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Allgäuer Zeitung

Samstag, 17. November 2018
Eberl Medien GmbH & Co. KG
Unabhängige Tageszeitung für das Oberallgäu und Kleinwalsertal
16.02.2005

Der scharfe Schnitt des netten Plauderers

Von Rosemarie Schwesinger
Bad Hindelang
Vielleicht sind ja die Allgäuer (nach dem kurzen, aber heftigen Fasching) ausgehmüde geworden, vielleicht war aber auch einfach das Wetter zu garstig! Wie wäre es sonst zu erklären, dass der Saal im Bad Hindelanger Kurhaus nicht mal drei viertel voll war bei einem absoluten kabarettistischen Highlight von und mit Hagen Rether. Schließlich hat dieser als „neuer Fixstern am deutschen Kabaretthimmel“ oder „Deutschlands schärfste Schneide“ apostrophierte hochpolitische Pianoplauderer bereits unzählige Kleinkunstpreise abgeräumt. Wie den renommierten Bonner Prix Pantheon und den Stuttgarter Besen 2004, dem sich heuer der Förderpreis des Deutschen Kleinkunstpreises sowie der Bayerische Kabarettpreis anschließen werden.
Wenn Hagen Rether – hochgewachsen und elegant gewandet – wie ein Barpianist nobler Etablissements die Bühne betritt, dann ahnt man nicht, dass hier ein Scharfrichter satte drei Stunden lang sein Fallbeil wetzen wird. Mit aufreizend langsamen Bewegungen nimmt er auf dem Klavierhocker Platz und löffelt erst mal seinen Joghurt. Dazwischen spuckt er freundlich und mit leiser Stimme die ersten Bosheiten aus und schlägt ein paar Akkorde auf dem Piano an. Eine äußerst subtile Methode, den Spannungsbogen zu knüpfen. Denn es kommt noch knüppeldick - und völlig unvermutet.
Da plaudert einer vermeintlich harmlos und entspannt zurückgelehnt am Piano und wiegt sein Publikum in der Sicherheit eines erbaulichen Liederabends, um dann in beißenden Wortkaskaden das Seziermesser lustvoll anzusetzen an die Verlogenheit von Politik und Gesellschaft. Nichts und niemanden lässt er aus in seiner (vordergründig stets weichgespülten) zynischen Bestandsaufnahme. Gekonnt minimalistisch setzt Hagen Rether seine Pointen und Gags, karikiert kabarettistische Dauerbrenner wie Dosenpfand oder Angela Merkel: „Riesenschildkröten sollen ja 100 Jahre fruchtbar sein.“
Er spielt gewandt und virtuos mit der Sprache, zerpflückt lustvoll politische Statements und führt sie in messerscharfer Logik ad absurdum. Neben deutschen Politikern sämtlicher Couleur wie „Die Werte gehen, aber Schröder bleibt“ oder „Köhler, die Steigerung von Kohl“, und Monika Hohlmeier, die bayerische Kultusministerin, die ihre Kinder in die Waldorfschule schickt, „das ist der Ölscheich, der Solarautos fährt“, nahm sich Rether vor allem „den paronoiden Wolpertinger und Angstbeißer“ Bush zur Brust.
Den weiteren Verlauf des Abends wollte der Kabarettist „den Frauen, die viel mitgemacht haben“, widmen. Neben Karin Stoiber und Barbara Bush dachte er dabei vor allem an Bärbel Schäfer (nunmehr Angetraute von Michel Friedmann, dessen Mädchen-Handel flugs hinter ein paar Tütchen Koks gekehrt wurde). Das Ossi-Wessi-Problem („Es wächst zusammen, was sich verdient hat“) und die neue Aufteilung des Iraks in „Normal, Super, Diesel“ sowie nostalgische Rückblicke („Als die Achse des Bösen noch Seidenstraße hieß“) wurden ebenso ins Kreuzverhör genommen wie der Klerus.
Und da nahm Hagen Rether kein Blatt vor den geschliffenen Mund. Während seine sarkastischen Betrachtungen der „Hirtendienste“ am Beispiel Bischof Krenz im Besonderen („Man muss die Jugend wieder in die Kirche bringen und nicht nur in die Sakristeien“) und der gesellschaftlichen Triebstrukturen im Allgemeinen mit lebhaftem Beifall quittiert wurden, dürfte seine Papst-Persiflage für viele der Zuhörer deutlich jenseits der Schmerzgrenze gelegen haben.
Aber eigentlich konnte man ihm nahezu nichts übel nehmen. Dafür war er einfach zu gut! Selbst bei Kalauern wie „Früher wollte man heim ins Reich, heute will man reich ins Heim“ oder beim „Turnen bis zur Urne“. Zumal das Seziermesser durch virtuos improvisierte Klangeffekte aus Klassik und Moderne, Jazz und Boogie am Piano weichgespült wurde. Nach Hagen Rethers absonderlichem Song-Finale „Herr, wir sind so hohl, wie wir voll sind..., Herr, die haben Angst, dass ihre Kinder verhungern. Und wir haben Angst, dass unser Deo versagt und dass man uns beim Telefonieren im Auto erwischt. Herr, wie kriegen wir in ihren Drittweltschädel rein, dass du Europäer bist?“ brandete der Applaus der Zuhörer auf - die auch nach diesen rund dreistündigen geistreichen Wortkaskaden noch nicht genug hatten und Zugaben forderten.

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