zur Suche
zur Navigation
zum Inhalt
zum Seitenfuß

Allgäuer Anzeigeblatt

Allgäuer Zeitung

Sonntag, 25. August 2019
Eberl Medien GmbH & Co. KG
Unabhängige Tageszeitung für das Oberallgäu und Kleinwalsertal
23.07.2009

Die übermalte Legende und eine Abgewandte im Portrait

Das Portrait könnte außerordentlich gelungen erscheinen, hätte es nicht einen kleinen Schönheitsfehler: «Betty» kehrt sich vom Betrachter ab, verbirgt ihm ihr Gesicht, zeigt ihm lediglich die Schulter ihres rotgeblümten Jäckchens. So wie sich die junge Frau auf dieser Druckgrafik dem Betrachter verweigert, verweigert auch der Künstler, der das Werk 1991 geschaffen hat, Antworten über seine Kunst.

Gerhard Richter lasse alle Fragen offen, erläutert John Patrick Kohl. Mit anregenden Gedanken über «einen der wichtigsten Künstler der Gegenwart» führt der Oberstdorfer Kunsthändler in die neueste Ausstellung im Oberstdorfer Kunsthaus Villa Jauss ein. Sie zeigt eine Auswahl aus dem druckgraphischen Werk Gerhards Richters, den Editionen von 1965 bis 2004. Wobei auch frühe Arbeiten des 1932 in Dresden geborenen Künstlers berücksichtigt sind, die heute schwer für eine Ausstellung zu erhalten seien, sagt Kohl.

Ihm gelang solch repräsentativer Querschnitt dank Wolfgang Schoppmann, dem Kurator der Kunstsammlung Thomas Olbricht in Essen, einer der größten Europas. Aus ihr stammen die meisten Leihgaben, ergänzt um Arbeiten aus anderen privaten Sammlungen.

Sie offenbaren die vielen unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Facetten in Gerhard Richters Werk, demonstrieren die Experimentierfreudigkeit dieses Künstlers und decken eine stete Auseinandersetzung mit dem Phänomen auf, wie wir Menschen die Wirklichkeit wahrnehmen.

«Alles was er tut, ist eine Annäherung.» Kenntnisreich und kurzweilig gibt Wolfgang Schoppmann bei der Ausstellungseröffnung Einblick in Gerhard Richters Gedankenwelt. Richter sei ein Maler auf der Suche nach dem Bild. «Er misstraut allem, was schön ist.» Deshalb wurde zum Beispiel die romantische Aufnahme einer brennenden Kerze mit schwarzer Farbe übermalt.

Mit dem Rakel teilweise wieder abgekratzt, blieb in «Kerze III» von 1989 ein schwarzes Geflecht zurück, das sich wie ein Schleier über das Motiv legt, zugleich aber auch Erinnerungen an die Malerei großer Meister der Romantik beschwört.

Mit großen Meistern kokettiert Richter auch in den Goldberg-Variationen von 1984. Er hat eine Schallplatte der zweiten legendären Glenn-Gould-Aufnahme dieses Klavierwerks von Johann Sebastian Bach mit Ölfarben übermalt und darauf eine abstrakte Komposition geschaffen.

Stellt dieses Werk ein malerisches Unikat dar, setzt Richter in seinen Druckgrafiken bewusst auf industrielle Reproduktionstechniken.

Etwa auf den Siebdruck wie in den fünf Ansichten «Schweizer Alpen» von 1969, in denen das Bergmassiv auf ein Muster aus Schwarz, Weiß und zwei Grautöne reduziert wird und trotzdem monumentale Wirkung erzielt.

Oftmals verbergen sich hinter den Druckgrafiken abfotografierte Ölgemälde, die wiederum nach Fotos entstanden sind. So etwa bei der «Kleinen Badenden» von 1996. Der weibliche Halbakt weist erhebliche Verunklarungen und Verwischungen auf, die allerdings nicht auf eine verwackelte Aufnahme zurückzuführen sind. Sondern das Ölgemälde hatte bereits jene durch die ursprüngliche Fotografie dokumentierte Wirklichkeit verändert.

Solche Entstehungsprozesse jedoch verschleiern Gerhard Richters Arbeiten: So bleibt auch «Betty» für den Betrachter ein Faszinosum, rätselhaft wie ihr abgewandtes Gesicht. Ist das Bild ein Gemälde oder eine Fotografie? Der Katalog gibt Auskunft: Es ist ein Offsetdruck.

Öffnungszeiten: donnerstags bis sonntags jeweils von 15 bis 18 Uhr. Die Ausstellung dauert bis 4. Oktober.


Zurück

Hallo Allgäu
Das neue Wochenblatt
am Wochenende
Veranstaltungen 2019
Veranstaltungen 2019

Die Topadresse

EBERL PRINT GmbH
Druckerei


Kirchplatz 6
87509 Immenstadt

BUCHSHOP




EBERL MEDIEN