zur Suche
zur Navigation
zum Inhalt
zum Seitenfuß

Allgäuer Anzeigeblatt

Allgäuer Zeitung

Donnerstag, 12. Dezember 2019
Eberl Medien GmbH & Co. KG
Unabhängige Tageszeitung für das Oberallgäu und Kleinwalsertal
21.08.2009

Wo die Glocke im Takt der Paukenschläge schwingt

«Was? Der Chor kommt nicht? Das Orchester auch nicht? Katastrophe!» Schauspieler Martin Theuer stieg bei seinem «Musikalischen Dramolett» auf der Bühne im Oberstdorf-Haus mit hohem Tempo ein. «Glücklicherweise» stand da schon ein Perkussions-Set bereit, an dem Schlagwerker Klaus Dreher die ganze Stuttgarter Philharmonie samt Chor und Orchester ersetzte.


«Schiller for one» war der Titel dieses
Zwei-Mann-Stücks zu Ehren des 250. Geburtstags unseres
größten (?) Theaterdichters, im Rahmen des
Musiksommers. Was hätten auch Chor und Orchester bei einer
Podiumsdiskussion unter vier Schiller-Experten zu suchen, die der
Mime Theuer «spontan» inszenierte?



Der schwäbelnde Professor



Auf dem fiktiven Podium nehmen Platz: ein stark schwäbelnder
Professor mit störend permanenter Neigung zur
Weißweinflasche, ein Chefredakteur, ein Regisseur und ein
Schauspieler. «Moderator» Theuer lässt jeden
kurz zu Wort kommen: «Schiller ist tot. Weil seine Sprache
tot ist.



» - «Kürzen, kürzen, kürzen!»
Trotzdem beginnt jetzt unvermittelt der deklamatorische Teil des
Abends mit ungekürzten Schiller-Texten, am Schlagwerk
untermalt von Paukenschlägen, Beckenklingeln und
Glockenspielchen.



Eine gar schröckliche Ballade



«Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen»,
tönt es da aus Schillers scharfzüngig gefüllter
Aphorismenkiste; «Toren hätten wir genug, Fratzen die
Menge, doch leider helfen sie selbst zur Komödie
nicht.» Die gar schröckliche, nicht ganz unbekannte
Handschuh-Ballade folgt, meisterlich deklamiert. Und darauf der
Höhepunkt des Abends, noch zu Kaisers Zeiten in jeder
deutschen Schulstube ehrfürchtig auswendig zu lernen - das
«Lied von der Glocke»:



20 Minuten Schillersches Pathos-Feuerwerk, alle paar Sekunden ein
bildungsbürgerlicher Merksatz-Knaller, das Crescendo-Finale
steigert sich bei Theuer zu schauerlich-überlautem Schreien,
theatralisch-gestisch ahmt er das Hin- und Herschwingen der
Glocke nach, im Takt der gnadenlosen Paukenschläge
Zweifellos eine schauspielerische Glanzleistung. Ebenso
meisterhaft wie nach der Pause die dramatische Lesung (aus dem
gelben Reclam-Heftchen) der Apfelschuss-Szene aus «Wilhelm
Tell».



Der aufgesetzte Rahmen



Auch die weniger bekannte «Jüngling zu
Sais»-Ballade, esoterisierend untermalt von Klangschalen,
und zum Schluss das allegorische Gedicht vom Musenross Pegasus -
Martin Theuer rezitierte die Texte mit professioneller
Leidenschaft. Bloß aufgesetzt wirkte der fragmentarische
«Rahmen» einer «Podiumsdiskussion».



So blieb der Gesamteindruck: ohne distanzierende Relativierung
der Aktualität Schillerscher Texte imposant, aber nicht
überzeugend.

Zurück

Veranstaltungen 2019
Veranstaltungen 2019

Die Topadresse

Zimmerei Siegfried Jörg
Zimmerei


Greggenhofen 22
87549 Rettenberg

BUCHSHOP




EBERL MEDIEN