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Allgäuer Zeitung

Donnerstag, 12. Dezember 2019
Eberl Medien GmbH & Co. KG
Unabhängige Tageszeitung für das Oberallgäu und Kleinwalsertal
26.11.2009

Abbruch und Neubau: Blaichach im Wandel

Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte Blaichachs: immer wieder Abbruch und Neubau. Die gotische Pfarrkirche von 1424, ersetzt durch ein geräumiges Gotteshaus 1904 und zwei Jahre darauf dem Erdboden gleichgemacht. Fabrikhallen und Arbeiter-Wohnhäuser, hochgestemmt und wieder niedergerissen. Das sogenannte «Schlössle» am Schwarzenbach, eine repräsentative Fabrikanten-Villa mit Türmchen und Erkern von 1886, verschwunden. Alte Bauernhäuser im «Kirchviertel», weg sind sie. Gasthäuser, die «Grüner Baum» hießen und «Lueg ins Land», nur noch Erinnerung in einem Bildband.


Der Wandel des Ortsbilds ist das Beständige an Blaichach,
seitdem das bäuerliche Dorf am Schwarzenbach 1850 von
Schweizer Geldgebern zum Industrie-Standort erkoren wurde. Otto
Staiger führt quasi Buch darüber. Studierstube des
77-Jährigen ist das Blaichacher Gemeinde-Archiv. Oben turnen
die Kinder des Kindergartens St. Magnus. Bei Staiger unten im
Keller sind Akten gestapelt und Dokumente verwahrt. Die Bilder an
der Wand erzählen von einer lebhaften Ortshistorie und vom
ständigen Wandel.



Bis heute ist Blaichach, anders als die touristisch dominierten
Schwestern ringsum im oberen Illertal, industriell geprägt,
selbst wenn mit dem Zuwachs des Ortsteils Gunzesried auch
Urlauber hierherfinden. Einst sicherte die Allgäuer
Baumwollspinnerei und -weberei den Menschen ihr Brot.



Zeitweise beschäftigte das Werk, dessen Prinzipalen Heinrich
Gyr, Rudolf Zellweger und Fritz Gradner als Namensgeber heutiger
Dorfstraßen die Zeitläufte überdauern, 1100
Arbeiter.



Wohnviertel schossen empor



Knechte und Mägde flohen von den Bauernhöfen. Menschen
kamen von überall her und siedelten sich in Blaichach an.
Auf grünenden Bauernwiesen schossen Wohnviertel aus dem
Boden, eher wie Mietskasernen aussehend, die Schrebergärten
immer hübsch vor der Haustür. Explosionsartig wuchs die
Einwohnerzahl. Nach dem Krieg kamen zudem Flüchtlinge aus
dem Sudetenland und Schlesien.



Als 1960 die Weltfirma Robert Bosch GmbH mit dem
«Zünderwerk» in die Fabrikhallen der Spinnerei
einzog und die bisherigen Weber sich mühsam von Baumwolle
auf Zündverteiler für Autos umstellten, gab es einen
weiteren Schub des Wohlstands in einem Dorf, dessen
Hauptstraße um die Jahrhundertwende noch eine staubige
unbefestigte Chaussee war.



Archivar Staiger ist ein Kind der Industrialisierung. Schon sein
Vater war auf Schicht in der Spinnerei. Der Sohn verbrachte sein
ganzes Arbeitsleben bei Bosch. Schon vor und nach dem Ersten
Weltkrieg standen Frauen auf den Lohnlisten. Staiger preist noch
heute das soziale Gewissen der Fabrikanten. Ein Mütter-und
Kindheim mit Entbindungsstation, wie vor 80 Jahren
begründet, hatte kaum eine Gemeinde ringsum. Die Vereine
zehrten von den Spenden der Industriellen.



Wo Arbeiter sind, wird trotz aller Fürsorge durch die
Unternehmen links gewählt. Noch heute ist Blaichach bei
Urnengängen der gebeutelten Allgäuer SPD ein
Trostpflaster. Von 1946 bis 1952 waltete in Blaichach ein
Kommunist als Bürgermeister, frei gewählt und haushoch
den Konkurrenten überlegen: Ludwig Kiermayr von der KPD. Da
war der Spuk der Nazi-Zeit schon vorbei, mit einem
KZ-Außenlager von Dachau. In der umfunktionierten Spinnerei
mussten an die 800 Häftlinge U-Boot-Motoren bauen. Ein
Gedenkstein auf dem Friedhof erinnert an fünf Opfer. Wenn in
Blaichach immer wieder Neues entsteht, trauert Archivar Staiger
nicht Altbauten vom Kaliber des Ex-Gasthauses
«Reichsadler» hinterher. Soll es doch in Schutt und
Asche versinken! «Das ist ein verwahrlostes Viertel»,
wischt der Archivar Nostalgie-Gefühle vom Tisch.

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