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Allgäuer Zeitung

Montag, 19. August 2019
Eberl Medien GmbH & Co. KG
Unabhängige Tageszeitung für das Oberallgäu und Kleinwalsertal
13.02.2010

Abenteuer Aufstand

Eine halbe Stunde hat der Zug schon Verspätung. Die rund 60 Schüler des Immenstädter Gymnasiums werden unruhig. Sollen sie doch in Kempten aussteigen, um dort rechtzeitig bei der Demonstration zu sein? «Nein, wir ziehen das jetzt durch», sagt ein zierliches Mädchen auf dem Gang. Die Streikenden haben einen ganzen Waggon besetzt. Es ist kein Durchkommen. Alle sind aufgeregt. Wie wird es werden in München? Können sie damit etwas erreichen? Die Jugendlichen diskutieren hitzig für und wider ihrer Lernsituation. Genau darum geht es an diesem Morgen bei den bayernweiten Demonstrationen. Die Schüler der Immenstädter «Qualifikationsstufe 11» haben sich zum Streiken nach München auf den Weg gemacht.


In verschiedenen Abteilen machen sich Schülergruppen ans
Plakate basteln. Jetzt sind Ideen gefragt: Stoffsammlung. Die
Rädelsführer drängen auf markige Sprüche.
«Schreibt doch G7 wir kommen.» Die Zeit drängt.
Eine halbe Stunde noch bis München. Schnell muss eine
Entscheidung her. «Aufstand der Versuchskaninchen»
oder «G8 - nicht nachgedacht?» Die Gruppe entscheidet
sich für: «Wo gehobelt wird, da fällt
Spaenle», obwohl daran einige selbst nicht glauben.
«Für uns wird sich eh nichts mehr ändern. Wir
kämpfen für die Jahrgänge nach uns», sagt
ein engagierter Schüler, der scheinbar noch den
Überblick über das aufgeregte Treiben auf der Fahrt in
die Landeshauptstadt hat. Auf den ersten Blick wirkt die Reise
wie ein Abenteuer, wie eine große Party. Die nachdenklichen
Blicke zeugen aber von regen Geistern, die sich mit einer
unsicheren Zukunft auseinandersetzen müssen.



Doppelter Abiturjahrgang heißt auch doppelte Konkurrenz um
Studienplätze, sagen die Schüler.



Angekommen am Hauptbahnhof wird die Situation etwas chaotisch,
doch irgendwie schafft es die Gruppe, zusammenzubleiben. Ein
Mädchen ist heiser und verständigt sich nur mit ihrer
kleinen roten Trillerpfeife. Daraus wird ein schräges
Pfeifkonzert. Wie ein dicker Wurm schlängelt sich die
lärmende Schülergruppe in die S-Bahn und auf den
Marienplatz. Fragende, gaffende, unverständige und
sympathisierende Gesichter säumen den Weg der Streikschlange
Richtung Odeonsplatz. Dort findet die große Kundgebung
statt. Die letzten Meter wird gerannt. Sie sind viel zu spät
dran.



Angekommen vor der Feldherrenhalle unter 2500 Gleichgesinnten
sind die Reaktionen unterschiedlich. Von den Reden ist kaum etwas
zu hören. «Egal, wir wissen sowieso was wir
wollen», stellt eine Jugendliche fest und fängt an
«G8 - wir lernen die ganze Nacht» zu skandieren.



Eine andere 17-Jährige aus Immenstadt bleibt stumm und
blickt fragend in die Menge. Sie wirkt eher schüchtern und
zurückhaltend. Protest ist ihr nicht auf die Stirn
geschrieben. Mit ihren langen brauen Locken und großen
grünen Augen steht sie vor der Theatinerkirche und sieht aus
wie ein seltener Engel. Zu sagen hat sie aber sehr viel:
«Wir sollen presslernen, auskotzen und dann wieder
vergessen. Sind das die Grundlagen für eine akademische
Laufbahn? Ich glaube nicht.» Das G8 sieht sie als
Rückschritt. Auch wenn man viel lerne, könne man im G8
nicht so gute Noten erreichen wie im G9.



«Für mich ist das psychischer Druck. Ich will einen
guten Abschluss und studieren. Darum lerne ich nur noch.»
Plötzlich setzt sich der Protestmarsch in Bewegung, die
Immenstädter Gruppe verschwindet in der Menge. »Bayern

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